Weihnachten – kein anderes Fest ist so emotional aufgeladen wie dieses. Zumindest ist dies der Eindruck, den ich im Laufe meiner gesamten Berufstätigkeit gewonnen habe.
Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio die Frage: Was ist dein perfektes Weihnachten? Ich wurde ärgerlich. Denn für viele Menschen ist dieses Fest alles andere als perfekt.
Die Realität hinter besinnlichen Weihnachten
Natürlich gibt es Menschen, für die diese Zeit wirklich besinnlich ist. Sie genießen Abendspaziergänge durch festlich beleuchtete Straßen und freuen sich auf die gemeinsame Zeit mit ihrer Familie. Doch es gibt eben auch jene, die Weihnachten als sehr leidvoll erleben – Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben oder selbst mit einer schweren Erkrankung umgehen müssen. Andere wiederum fühlen sich einsam und innerlich unverbunden. Und wieder andere halten in diesen Tagen förmlich die Luft an, verhalten sich kontrolliert im familiären Zusammensein, damit all die unverarbeiteten konflikthaften Beziehungsthemen nicht plötzlich und unerwartet die Stimmung kippen.
Einsamkeit in der Weihnachtszeit erkennen
In meiner Praxis höre ich immer wieder von Menschen, die sich mit ihrer Einsamkeit auseinandersetzen. Ich höre ihre Sehnsucht nach verlorenen Menschen, aber auch ihre Sehnsucht nach Kontakt und Beziehung an sich. Diese Form der Einsamkeit ist schmerzlich – und sie verstärkt sich oder zeigt sich besonders deutlich in der Weihnachtszeit.
Es geht vielen Menschen so, doch nur wenige erlauben sich, über ihr Erleben von Einsamkeit zu sprechen. Sie scheint nach wie vor ein Tabuthema zu sein, etwas, wofür man sich schämen müsste. Genau deshalb möchte ich heute darüber schreiben.
NARM: Einsamkeit vs. Alleinsein
Im NARM unterscheiden wir zwischen Einsamkeit und Alleinsein – oder, wie Larry Heller es beschreibt, zwischen „achy aloneness“ und „aloness“. Der Begriff achy trifft es sehr gut: Einsamkeit fühlt sich schmerzhaft an. Wir sehnen uns nach einem anderen Menschen, damit dieses Gefühl nachlässt – doch diese Sehnsucht bleibt oft unbeantwortet. Der Wunsch nach Kontakt und die damit verbundene innere Leere stammen jedoch häufig aus einer anderen Zeit. Sie sind eher wie ein Echo aus der Vergangenheit zu verstehen.
Wenn sich dieses Alleinsein existenziell anfühlt und mit innerer Unsicherheit einhergeht, können wir davon ausgehen, dass frühe Beziehungserfahrungen aktiviert sind. In der Sprache von NARMwürden wir sagen: Ein jüngerer Bewusstseinsstrom ist wirksam, und wir sind mit ihm identifiziert. Dieses Verständnis macht das schmerzhafte Erleben zunächst nicht einfacher, doch es kann helfen, innere Orientierung zu gewinnen. Auch die häufig damit verbundenen Schamreaktionen lassen sich aus dieser Perspektive neu betrachten – nicht als persönliches Versagen, sondern als Ausdruck früher Anpassung an ein nicht ausreichend eingestimmtes Umfeld.
Weihnachtszeit als Einladung zur Selbstzuwendung
Wenn ich beginne zu verstehen, dass in der Stille der Weihnachtszeit – und auch in der Ruhe der dunkleren Jahreszeit – alte Erinnerungen an Verlassenheit, an emotionale Unerreichbarkeit oder an fehlende Resonanz aktiviert werden, dann eröffnet sich möglicherweise eine neue Wahl. Anstatt vor mir selbst davonzulaufen, könnte ich mich mir zuwenden.
Allein schon die Haltung, diese ruhigere Zeit als Einladung zur Selbstzuwendung zu nutzen, bedeutet etwas grundlegend anderes als das, was mir vielleicht früher widerfahren ist. Wie Larry Heller in einer Fortbildung sagte:
“If you stop running away from your pain, suffering stops.”
Diese Hinbewegung zu uns selbst kann ein erster Schritt sein, leidvolle Erfahrungen und deren Folgen anders zu begegnen als gewohnt. Natürlich reicht Selbstzuwendung nicht in allen Fällen aus, um Heilung zu ermöglichen. Wenn Wunden in einem Beziehungskontext entstanden sind, braucht es auch ein Beziehungsfeld, um neue Erfahrungen zu machen. Doch es ist ein erster Schritt – in Richtung unseres Herzens und unserer innewohnenden Fähigkeit, freundlich mit uns selbst zu sein und liebevoll auf uns zu schauen.
Alleinsein erleben statt Einsamkeit
Alleinsein hingegen fühlt sich anders an. Hier wird die Stille der heiligen Nacht, die Ruhe der Dunkelheit, nicht mehr als bedrohlich erlebt, sondern als getragen von innerer Verbundenheit.
Im NARM sagen wir: Wenn wir unsere adaptiven Überlebens- und Anpassungsstrategien, die einst der Absicherung unseres Seins dienten, nicht mehr benötigen, kommen wir wieder mehr und mehr in Kontakt mit unserem Wesenskern. Dieser Zustand ist geprägt von einer tieferen Verbundenheit mit uns selbst. Damit einher geht ein größeres Erleben von innerer Unabhängigkeit vom Außen – bei gleichzeitiger Verbundenheit mit anderen und mit dem Leben als Ganzem.
Traurige Weihnachten und Umgang mit Verlust
Das Gefühl von Isolation und Getrenntsein tritt in den Hintergrund. Wir fühlen uns sicherer in uns selbst, und die Abwesenheit von Ablenkung löst keine Einsamkeit mehr aus, sondern eröffnet mehr innere Kapazität, mit dem umzugehen, was ist.
Das bedeutet nicht, dass schmerzhafte Erfahrungen aus unserem Leben verschwinden. Aber wir verfügen über mehr Möglichkeiten: Wir können uns Unterstützung holen, Schwieriges in Beziehung bringen, darüber sprechen. Wenn wir also in dieser Zeit traurig oder allein sind, weil wir einen geliebten Menschen verloren haben oder jemand, den wir lieben, schwer krank ist, dann hört der Schmerz nicht einfach auf. Doch wir können trauern. Wir können uns anderen zuwenden, wenn wir das möchten – und dabei innerlich verbunden bleiben.
Fazit
Weihnachten ist für viele Menschen eine Zeit der Freude, aber auch eine Zeit von Einsamkeit, Trauer und emotionalen Herausforderungen. Indem wir lernen, zwischen Einsamkeit und Alleinsein zu unterscheiden und die stille Zeit bewusst für Selbstzuwendung und innere Verbundenheit zu nutzen, können wir diese Tage achtsam und reflektiert erleben. Auch wenn alte Wunden und Verluste nicht verschwinden, eröffnet uns die Hinwendung zu uns selbst die Möglichkeit, traurige Weihnachten bewusst zu gestalten, emotionale Nähe zu spüren und innere Stärke zu entwickeln.
Wenn du Fragen zu diesem Thema hast, nimm gerne Kontakt zu mir auf.

